Junge Radartisten nehmen Maß:
Scharfschuss mit dem Vorderrad

 

Steinhagens Radball-Nachwuchs lässt Traditionssportart wieder aufleben

 

Von Marcel Bohnensteffen
(Text und Fotos)
Steinhagen (WB). Wie Artisten balancieren sie auf den Pedalen, manövrieren ihre Räder durch einen engen Parcours, mit einem festen Lenkergriff bringen sie Geschwindigkeit und Gleichgewicht in Einklang. Finn Jürgensmann und Felix Hundeloh sind nicht etwa Künstler in der Zirkusmanege, sondern Radballer der Spvg. Steinhagen. Zusammen mit fünf Freunden lassen sie in der kleinen Turnhalle der Grundschule eine Traditionssportart wieder aufleben.

Die beiden 13-Jährigen haben maßgeblichen Anteil daran, dass erstmals seit 20 Jahren wieder eine Radball-Jugendmannschaft für die Sportvereinigung Tore schießt. »Die Abteilung stand praktisch vor dem Aussterben. Einige Senioren haben nach und nach aufgehört zu spielen, Nachwuchs gab es keinen. Praktisch aus dem Nichts sind dann Finn und Felix mit ein paar Freunden vorbeigekommen und wollten das unbedingt mal ausprobieren.« Trainer Michael Krebs ist froh über die Wiederbelebung der Radball-Sparte.
Was viele gar nicht wissen: Radball in Steinhagen hat eine lange Tradition. Seit mehr als 30 Jahren wird sie von der Hallenradsport-Gilde, der kleinsten Abteilung im Verein, betrieben. Fast ebenso lange gehen Michael Krebs, Thomas Peek und Michael Hauser hier ihrem sportlichen Hobby nach, haben Spvg. Steinhagen bis in die Verbandsliga Westfalen geführt, bevor sie in der vergangenen Saison mit der 1. Männermannschaft in die Landesliga abgestiegen sind. »Die Bedingungen sind eigentlich ideal. Im Umkreis von 40 bis 50 Kilometern wird Radball fast gar nicht angeboten. Was uns lange Zeit fehlte, war das Interesse der Kids«, macht der 2. Vorsitzende der Radsportabteilung deutlich.
Dank Finn Jürgensmann, Felix Hundeloh und Co. ist dies jetzt anders. Vor zwei Jahren haben die sieben Jugendlichen im Alter von zehn bis 15 Jahren erste »Stehversuche« auf den 2000 Euro teuren Spezialfahrrädern aus Chrom-Molybdän-Stahl gemacht, die eigens für Radballer hergestellt werden. Ohne Bremsen erfordern sie besondere Fahrkunst: »Die Spieler verringern ihre Geschwindigkeit durch eine starre 1:1-Übersetzung, indem sie blitzschnell von Vorwärts- auf Rückwärtsfahren umstellen«, erläutert Krebs die Grundtechnik. »Mit Hilfe des hornförmigen Lenkers und der waagerechte Sattelstütze verlagert der Spieler sein Gewicht mehr auf die Hinterräder, so dass er seine Balance hält.«
»Du bist hier angekommen und konntest gar nix. Wir mussten völlig neu Rad fahren lernen, lagen ständig auf der Erde. Das ist mit den Fahrrädern zu Hause überhaupt nicht zu vergleichen«, schildert Felix Hundeloh Eindrücke aus den Anfängen. Mit je zwei intensiven Trainingseinheiten pro Woche haben Felix und seine Kollegen technisch rasante Fortschritte gemacht. Das beweisen sie bei einem kleinen vereinsinternen Turnier, zeigen auf der 14 mal 11 Meter großen Spielfläche beim Spiel »zwei gegen zwei« erstaunliches Ballgeschick und verblüffende Schusstechnik. Nach einer ruckartigen Lenkerbewegung befördert das Vorderrad den mit Gras gefüllten Spielball knallhart in die Maschen des zwei mal zwei Meter großen Tores. »Konzentration und Körperspannung sind bei zweimal sieben Minuten Spielzeit so groß, dass man fix und fertig ist«, erklärt Michael Krebs, während er den Jungs bei deren waghalsigen Aktionen zusieht.
Was die Youngster an der vielen unbekannten Sportart so fasziniert? »Fußball spielt jeder Vierte in Deutschland. Beim Radball liegt der Reiz in der Seltenheit, viele wissen gar nicht, was das ist«, sagt Finn Jürgensmann. Nachdem der 13-Jährige durch Plakate und Berichte auf die Steinhagener Radball-Abteilung aufmerksam geworden ist, macht er mit Feuereifer mit. Neben mehreren Schulfreunden hat er auch seinen Bruder Jonathan (14) für Radball begeistert. Nach den Sommerferien nimmt das U17-Team zum ersten Mal an offiziellen Meisterschaftsspielen teil.
Für die Zukunft haben Finn Jürgensmann und Felix Hundeloh einen großen Wunsch: Mehr Präsenz ihrer Lieblingssportart im Fernsehen. »Auf DSF zeigen sie Radball manchmal zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht - und das in der Woche, wenn wir es nicht sehen können.« Immerhin echte Vorbilder bei den »Profis«: In den vergangenen drei Jahren holte jeweils ein deutsches Duo den WM-Titel im Zweier-Radball.

 

Artikel vom 26.06.2008

21.7.08 19:19

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